Ausgewählter Beitrag

Einfach nur lernen zu leben

Ich habe immer noch - an einigen Tagen, in einigen Momenten - diese unsägliche Lehrerarroganz an und in mir, die das Lernen bestimmter Inhalte überbewertet, das eigene Denken und Bestreben priorisiert und somit den Blick für das wirklich 
Wesentliche ablenkt und auf Unwichtiges und
Nebensächliches fokussiert.




Ich komme aus dem Unterricht und bin unzufrieden. 
Das Einmaleins sitzt nicht, vielen Kindern fällt es schwer, 
Zusammenhänge zu verstehen,Inhalte zu erinnern, Sachverhalte zu transferieren.
Ich reflektiere die Stunden, schaue nach weiteren Möglichkeiten, Methoden, Arbeitsmitteln 
und bin einzig und allein darauf fokussiert, Lernziele zu erreichen, endlich das Einmaleins 
abschließen zu können.

Das Telefon unterbricht meine wenig konstruktiven Gedankengänge, ich bin gerade im Büro angekommen und sehe, dass das Jugendamt mich zu erreichen versucht. Vergessen ist zunächst der Unterricht und ich höre konzentriert zu, als man mir von den familiären Umständen eines Kindes berichtet.
Ich bin erschüttert, über das, was ich da unerwartet erfahre und verbringe die Pause damit, Lösungswege zu finden, Hilfen zu etablieren und mich infrage zu stellen.

Als ich nach der Pause zurückkomme in den Klassenraum, sehe ich mit einem anderen Blick auf diese Kinder. 

Die Relationen sind nicht mehr stimmig. Das Einmaleins ein unwichtiger Faktor im Leben einiger Kinder, die mit Situationen zurechtkommen müssen, die das lehrplangemäße Lernen komplett aushebeln. 
Lehrpläne, die davon ausgehen, dass es allen Kindern gut geht, dass sie aufwachsen und gedeihen dürfen in liebevoller familiärer Athmosphäre, im besten Falle mit am Kinde interessierten Eltern.

Der Lehrplan sieht nicht vor, dass Kindern zunächst Raum gegeben werden muss, um einfach das Leben zu lernen. Er sieht nicht vor, dass Geborgenheit und Zuverlässigkeit, Struktur und Akzeptanz vorrangig sein müssten für so viele kleine Menschen, die wir jeden Morgen aufs neue vor uns sitzen haben in unseren vollendeten und liebevoll eingerichteten Lernumgebungen.
Er sieht nicht vor, dass keine Erwartungen an Kinder gestellt werden, dass sie einfach nur erstmal "sein dürfen" und zwar ganz so, wie sie sind.

Er sieht nicht vor, dass Lernen Raum braucht und Zeit, Kapazität und Wohlbefinden. Er sieht nicht vor, dass es manchmal ausreicht, da zu sein. Anzunehmen, abzuwarten.

Obwohl ich mich seit vielen Jahren  gegen das Reduzieren auf kompetenzorientierte Lehrpläne wehre, obwohl ich meinem Team beständig damit in den Ohren liege, dass das Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht, obwohl ich stets und ständig Plädoyers dafür halte, die Kinder dort abzuholen wo sie sind, geduldig mit ihnen umzugehen, auch kleine Lernzuwächse positiv wahrzunehmen, obwohl ich all das weiß und immer wieder kommuniziere,
verliere ich dennoch manchmal aus dem Blick, dass es für einige Menschen nichts Unwichtigeres gibt als das Einmaleins. 
Dass Kopf und Herz gerade keine Möglichkeit haben, das zu lernen, was wir erwarten.
Dass unsere Erwartungen niemals ausschließlich an dem orientiert sind, was unsere Kinder wirklich brauchen. 

Wir packen die Mathematerialien ein. Kein Tag für Mathe heute. Es werden Sterne, die wir malen, um für die Weihnachtszeit einen strahlenden Sternenhimmel an unsere Fenster zu zaubern. Schablonenlos, jeder Stern ein Unikat. Verbogen, schief und krumm strahlen unsere Kunstwerke in schillernden Farben. Letztlich so, wie unsere Kinder, wenn wir ihnen die Möglichkeit geben und sie strahlen lassen.
In all ihren Farben, in all ihren Formen, in all ihrem Dasein!



geschaefert am 20.11.2018, 19.09

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Papillionis

Wie zauberhaft menschlich!

vom 08.12.2018, 11.52
kurz angemerkt

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Maren
Dann wünsch ich Dir einen schönen Neustart und freue mich auf alles Geschäferte. ;-)

20.11.2018-6:07
Uta
Ich bin gespannt!
19.11.2018-18:18
kommentiert
Papillionis:
Wie zauberhaft menschlich!
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