Ausgewählter Beitrag

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Vor mir liegen eine Reihe Bewerbungen. Ich möchte sagen von "interessant" über "ungewöhnlich" bis hin zu "skurril" ist so ziemlich alles dabei. 

Außer eines: Die Bewerbung einer Lehrkraft.




Das Radio suggeriert es: "Ach, Schatz, ich möchte mich verändern!", säuselt es da und nachfolgend:
"Ich werde Lehrerin!"
Und das möchten sie nun gerne werden, all die Menschen, die sicher sehr liebenswürdig und wundervoll sind, nur eines nicht: Pädagogisch ausgebildet und auf den Beruf des Grundschullehrers, der Grundschullehrerin vorbereitet.

Ich habe gelernt, dass Schulleitungen sich öffnen müssen, dass wir bereit sein müssen, neue Wege zu beschreiten und Menschen anderer Professionen eine Chance einräumen müssen, damit wir nicht - mehr denn je - ohne Personal dastehen.

Also lese ich die Bewerbungen wohlwollend. Ich führe zahlreiche Rücksprachen mit der Bezirksregierung und Personalräten, um zu klären, wer die nötige Qualifikation für den Seiteneinstieg hat und wer nicht.

21 Bewerbungen liegen vor mir, der Stapel wird kleiner, als ich den Saunafachgehilfen und die Abwasseringeneurin aussortieren darf. Beide Bewerbungen bestehen aus zwei losen Seiten mit - ich möchte es positiv formulieren - Minimalinformationen.

Ich zucke kurz zusammen, als ich einem Anschreiben entnehme, in der Familie gäbe es Grundschullehrer, man würde oft über das Thema reden und sei aus diesem Grunde perfekt qualifiziert.
ABER, ich weiß, ich muss mich öffnen und finde es von daher im Grunde sehr schön, dass der Beruf ja in der Familie zu liegen scheint, fachliche Hilfe also vor Ort gegeben ist und viele schulische Themen sicher schon beim abendlichen Glas Rotwein besprochen wurden.

Ich stelle mir unsere grandiosen Schulfeste vor, wenn wir die Opernsängerin einstellen und mal mir aus, wie es in der Pause zugehen wird, wenn der Herr von der Bundeswehr bei uns einsteigt.
Vielfalt nicht nur in der Schülerschaft, sondern auch bei uns, bei uns im Team. Vielfalt, das ist doch das Schlagwort, Vielfalt als Chance.

Ich diskutiere kurz mit einem Bewerber, der erst in den Urlaub fahren will und seinen Termin zum Auswahlgespräch selbstständig um zwei Wochen verschoben hat. 
Und erfreue mich an den anderen Bewerbern und Bewerberinnen, die schnell und freundlich zusagen und keine individuellen Wunschtermine erwarten und einfordern.

Andere, unbeschwerte und von Schule unbelastete Sichtweisen können frischen Wind in unser Team bringen, die Perspektive verändern, uns auf neue Wege bringen.
Das meine ich durchaus ernst und versuche, in allen Bewerbungen Positives zu finden. Neues und Interessantes, das unser Schulleben bereichern kann. Es fällt mir schwer, mich von meinen festgefahrenen Denkstrukturen zu lösen, mich zu öffnen und mich nicht dem Allgemeingejammere anzuschließen.

Was geschieht da gerade in unseren Schulen und wohin soll es führen? Das sind die Fragen, die nicht nur mich umtreiben, doch letztlich können wir nicht wirklich ändern, was aktuell geschieht, nur uns und unsere Sichtweise.

Und das tut weh.
Das ist harte Arbeit.
Das ist schwierig.

Ich blättere weiter durch die Bewerbungen, schreibe Einladungen, informiere mich, sortiere aus und bereite die Auswahlgespräche vor. Ich freue mich - und das kann ich wirklich leichten Herzens sagen - ich freue mich auf diese Gespräche, auf das Kennenlernen all der Menschen, die unseren Beruf ergreifen möchten. Ich freue mich auf die Vielseitigkeit, auf das Ungewohnte, auf die Herausforderung.

Aber, ich muss es gestehen, ich habe auch Angst.
Angst, wenn ich an die letzten Gespräche dieser Art denke, aber Angst vor allen davor, dass ich mich nicht lösen kann von den jahzehntelang gehegt und gepflegten, längst schon etablierten Vorstellungen von dem, was ein guter Lehrer als Basis mitbringen sollte.
Angst davor, mich nicht ausreichend öffnen zu können.
Dabei ist "Schule neu denken" immer der Anreiz gewesen, Schulleitung zu werden und zu bleiben.
Nun kann ich "neu denken" und denke doch "alt".

Dabei ist alles, was wir uns für unsere Schulen doch wünschen und erhoffen können, Menschen, die darin mit Herz, Verstand und Engagement arbeiten und leben.
Menschen, die bereit sind, sich einzubringen, sich neu zu orientieren, sich einzulassen auf all die Schülerinnen und Schüler und letztlich auch auf uns.

Vielleicht ist es Zeit, Abstand zu nehmen vom Lehrerbild und überzugehen zu einem Menschenbild.
So, wie wir es mit und bei den Kindern längst getan haben.

Vielleicht ist es Zeit, sich selbst zu verändern, um Veränderung zuzulassen!

geschaefert am 10.12.2018, 19.34

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Karin

Ich kann dein Ringen um eine "Haltung" zu den Seiteneinsteigern gut verstehen. Denn irgendwie muss man ja zu einer Haltung kommen diesen "neuen" Kollegen offen zu begegnen und sie gut zu begleiten. Aber an anderer Stelle muss man auch deutlich äußern, dass es eine Deprofessionalisierung unseres Berufes ist und die Qualität für die Kinder auf diese Weise nicht erhalten werden kann. Zumindest an umfangreichen Nachqualifizierungsmaßnahmen könnte die Bildungspolitik deutlicher schrauben. In Bayern ist das z. B. minimal, obwohl "unsere" SEiteneinsteiger bislang sogar alle immerhin einen Lehrberuf studiert haben. Danke für deine Gedanken dazu. Herzliche Grüße Karin

vom 17.12.2018, 15.10
Antwort von geschaefert am:

Die Situation ist, da darf man sich nichts vormachen, im Grunde absolut skandalös und ein Desaster. Nur kann ich sie nicht ändern, 
auch, wenn ich es mir noch so sehr wünsche. Ich kann nur versuchen, das Beste aus allem zu machen.
Manchmal gelingt das, manchmal nur bedingt. Ich stimme Dir übrigens in all Deinen Aussagen zu.


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Maren
Dann wünsch ich Dir einen schönen Neustart und freue mich auf alles Geschäferte. ;-)

20.11.2018-6:07
Uta
Ich bin gespannt!
19.11.2018-18:18
kommentiert
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Wenn es nicht so wahr wäre, dann hätte ich ge
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Ich kann dein Ringen um eine "Haltung" zu den
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